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Re: Technologien verhindern



Hi Matthias!

On Mon, 06 Oct 2003 17:57:37 +0200
Matthias Hannich <dumb@xxxxxxxxxxxxx> wrote:

>Hi Holger,
>
>Am 06.10.2003 00:44 schrieb Holger Voss:
>>
>>M. E. ist es existenzieller Bestandteil des Versuches, eine
>>Technologie zu verhindern, Argumente gegen diese Technologie
>>vorzubringen, eine Diskussion über diese Technologie anzustoßen.
>
>Da bin ich Deiner Meinung. Ich habe aber die Erfahrung das bei einigen 
>Leuten dann halt purer Aktionismus auf der Tagesordnung steht und sonst 
>nichts.

Da ist was dran.
   Aber die Gefahr, sich in Aktionismus zu verrennen, ist ebenso wie die 
Gefahr, über schlaue Reden nicht hinauszukommen, bei jedem Engagement gegeben - 
ob es auf die Verhinderung einer Technik gerichtet ist, oder auf ihren 
kontrollierten Einsatz.


>[...] Du hast vermutlich 
>recht, für den Moment hätte man Menschleben womöglich gerettet, aber auf 
>lange Zeit? Sorry, vielleicht seh ich das in der Beziehung wirklich 
>einfach zu pessimistisch.

Mag sein. Deine Befürchtung ist ebenso wie meine Hoffnung zwangsläufig 
Spekulation.


>(Wenn Deine Botschaft aber sein soll, es ist nicht falsch, zu Lebzeiten 
>gegen etwas sich zu engagieren, was man für falsch hält, dann bin ich 
>auch Deiner Meinung. Hier bin ich aber halt ein bischen im Zweifeln, was 
>der richtige (taktische) Weg ist.)

Für den richtigen Weg halte ich, das ganze Ziel im Auge zu behalten, auch wenn 
es unrealistisch erscheint und ich damit rechne, erstmal nicht mehr als einen 
Kompromiss zu erreichen.
   Das Gegenteil wäre das, was ich als sozialdemokratischen Weg ansehe: Die 
ursprünglichen Ziele und Hoffnungen unerprobt als Phantastereien abstempeln und 
alles, was vielleicht noch schlimmer hätte werden können, als Erfolg feiern und 
sich darauf ausruhen. Vielleicht noch gleichzeitig die, die mehr erreichen 
wollen, beschimpfen und/oder bekämpfen.



>>>Deine Argumentation halte ich in soweit für gefährlich, als dass
>>>man sie, je nach Diskussionspunkt und Standpunkt, beliebig auslegen
>>>könnte. So wären z.B. Filter böse, weil man damit Informationen
>>>filtern kann. Das widerspricht einigen Grundrechten und ist
>>>richtig, trotzdem will ich deshalb nicht verhindern, dass Filter
>>>entwickelt werden.
>>
>>Filter sind - wie Brotmesser - für gute und schlechte Dinge
>>einzusetzen. Sobald Filter zentral installiert werden sollen, werden
>>sie "böse", bis dahin sind sie meiner Meinung nach wertneutral. TCPA
>>und Atombomben sind meiner Meinung nach schon in ihrer Existenz böse.
>>Es gibt keine wertneutralen (oder gar guten) Atombomben.
>
>Das meinte ich mit "gefährlicher Argumentation". Für bestimmte 
>Regierungskreise stell(t?)en Atombomben legitime Mittel zur Durchsetzung 
>ihrer Überzeugungen und Interessen dar. Wenn ich das so ansehen darf, 
>stellten Atombomben etwas positives dar. Für Dich (und für mich) tun sie 
>das augenscheinlich nicht. Wer hat nun recht?

Gegenfrage:
   Was würde ich (in einer gesellschaftlichen bzw. politischen 
Auseinandersetzung) gewinnen, wenn ich aus dieser Frage eine Beliebigkeit 
machte? Wenn ich von vornherein sagte: "Na ja, manche meinen, Atombomben sind 
gut, andere meinen, Atombomben sind schlecht, beide haben bestimmt irgendwie 
recht. Aber ich finde irgendwie, dass Atombomben eher 'n bißchen schlecht sind."
   Umgekehrt: Was verliere oder riskiere ich (in einer gesellschaftlichen bzw. 
politischen Auseinandersetzung), wenn ich sage: Atombomben sind scheiße. Immer. 
Atombomben zu entwickeln und vorrätig zu halten ist immer scheiße. Sie gar 
anzuwenden, wäre katastrophal, wäre Massenmord.

Was genau ist an meiner (bzw. der von mir bevorzugten) Argumentation gefährlich?


> Wir, weil wir moralische 
> Grundwerte hinter uns glauben, $Regierungschef, weil er sagt, sonst gäbe 
> es ja noch mehr Tote und man müsse $Feind doch ausmerzen, weil der 
> kleine Kinder klaut oder $Verteidigungsminister, der sagt "Es sind 
> Waffen wie alle andere auch, und wir brauchen Waffen und eine Armee."?
> Und letztendlich ist "wer recht hat" imo die zentrale Frage, wenn wir 
> uns darüber unterhalten, ob eine *Technologie* positiv ist oder nicht. 

In welcher gesellschaftlichen Auseinandersetzung ist "Wer hat Recht?" denn 
nicht eine zentrale Frage?


> Und hier werden wir wohl nicht mit allen daran beteiligten 
> Interessengruppen auf einen grünen Zweig kommen, weshalb es womöglich 
> sinnvoller wäre, über bestimmte Dinge, die man mit so einer Technologie 
> machen kann und über den rechtlichen und moralischen (und ggf. auch 
> technischen) Rahmen solcher Technologie zu sprechen.

Über rechtliche, moralische, technische Grenzen zu sprechen ist bestimmt nicht 
falsch. Aber die Teildiskussionen werden sich nicht weniger um die von dir 
kritisierte "Wer hat Recht?"-Frage drehen, als die Grundsatzdiskussion.
   Und wenn du Details klärst, oder nicht: Früher oder später werden dich die 
Grundsatzfragen einholen. Auf Fragen wie: "Soll das hiesige Militär Atombomben 
vorrätig halten?" gibt es nur zwei Antworten: ja und nein.


> Über Filter denke ich übrigens genauso wie Du.

Herr Büssow denkt anders darüber. Wer hat Recht? :-b


>>Atomkraft ist ja vieles, aber eines ganz bestimmt nicht:
>>gesellschaftlich etabliert.
>
>Ich bin der bescheidenen Ansicht, dass ob etwas etabliert ist oder 
>nicht, nicht davon abhängt was die Leute sagen [...]
>sondern was die Leute tun. 

Die Leute, die etwas tun, tun ganz überwiegend was gegen Atomkraft und nur sehr 
selten etwas für Atomkraft.
   Gleichzeitig sorgen Anti-Atomkraft-Proteste für immer neuen Negativrekorden 
an Staatsgewalt, die eingesetzt werden muss, um die "etablierte" Technologie zu 
betreiben. Kein Polizeieinsatz so groß wie der in und um Gorleben, 
Urlaubssperren für die Polizei, ernsthafte Probleme mit unterbesetzten 
Polizeien außerhalb des Wendlands, von den Kosten ganz zu schweigen.
   Der Großteil der geplanten AKWs erfolgreich (außerparlamentarisch) 
verhindert.
   Ich weiß nicht, ob prozentual mehr Wessis gegen Atomkraft demonstriert 
haben, als Ossis für Reisefreiheit. Aber die Größenordnung ist die gleiche.

Nein, für "etabliert" halte ich Atomkraft in der BRD (anders in Frankreich) 
nach wie vor nicht. Überhaupt nicht.


> Und wenn die Leute nunmal Atomstrom konsumieren

"Es gibt kein richtiges Leben im falschen." (Adorno)

Mir sind Leute lieber, die zwar Atomstrom verwenden, aber deutlich gegen 
Atomkraft ankämpfen,
als Leute, die zu Hause lieber frieren als zu heizen, um nur ja keinen 
Atomstrom zu fördern - aber eben nur märtyrermäßig vor sich hin leiden, anstatt 
"draußen" zu streiten.


>>Da habe ich einen völlig entgegengesetzten Eindruck! Kaum ein Mensch
>>will genmanipuliertes Essen, gerade deshalb streubt sich die
>>Genindustrie ja so gegen Kennzeichnungspflichten.
>
>Naja, genmanipuliertes Essen ist ja mitlerweile normal.

In der BRD???


> Letztendlich kommt es den meisten, wie 
> kann es auch anders sein, darauf an, was billiger ist.

Nein, das stimmt nicht. Auch wenn Aldi gigantische Umsätze (und auch Gewinne) 
macht: Das meiste wird doch relativ teuer in dem (oft trügerischen) Bewusstsein 
gekauft, Qualität gekauft zu haben. Immer preiswert, aber nie das Billigste. 
Wenn das Geld nicht für Zigaretten reicht: selberdrehen. Aber mit Drum, Samson 
oder Schwarzem Krauser, nicht mit Bantam oder Campfire. Billigtabak raucht fast 
nur, wer wirklich das Geld für Markentabak nicht hat.

Schönen Gruß


Holger

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